 |
Edition der Opera Philosophica Philipp Melanchthons
Seit 2005 arbeitet eine interdisziplinäre Projektgruppe an der Planung der historisch-kritischen Edition der philosophischen Werke Melanchthons. Ein Antrag auf Finanzierung eines Langfristvorhabens wurde inzwischen an die DFG gestellt. Antragsteller sind Günter Frank, Ursula Kocher und Wilhelm Schmidt-Biggemann. Die Antragstellung wird von Katharina Richter geleitet. Herausgeber der zukünftigen Reihe sind Günter Frank (Melanchthonhaus Bretten), Herman Selderhuis (Theologische Universität Apeldoorn, NL) und Walter Sparn (Theologischen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg ) in Kooperation mit dem Interdisziplinären Zentrum Mittelalter - Renaissance - Frühe Neuzeit.
Die Projektgruppe besteht aus vielen Mitgliedern, die entscheidende Vorarbeiten zur Antragstellung geleistet haben. Zu nennen sind neben den Antragstellern und zukünftigen Herausgebern insbesondere Thomas Behme, Anne Eusterschulte, Hanns-Peter Neumann, Nora Pagel, Oliver Pfau und Ulrike Wuttke.
Die Edition wird im Fall einer Förderung durch die DFG gemeinsam mit dem Verlag Walter De Gruyter realisiert.
Die historisch-kritische Ausgabe der Opera Philosophica Philipp Melanchthons setzt eine breite kulturgeschichtliche, speziell philosophie- und theologiehistorische Bildung und eine sichere editionswissenschaftliche Expertise voraus. Darüber hinaus ist ein beträchtlicher Aufwand an personellen und materiellen Ressourcen erforderlich. Das gilt auch dann, wenn zunächst allein die Opera Philosophica ediert werden sollen. Gleichwohl bedarf dieses Vorhaben keiner besonderen Begründung – jedenfalls dann nicht, wenn man historisch-kritische Werkausgaben für ein unerlässliches Instrument der Forschung auf allen Gebieten der Geschichtsschreibung ansieht. Eine solche Werkausgabe gibt es im Falle Melanchthons noch nicht; es gibt auch keine vollständige und chronologisch zuverlässige Bibliographie seines Gesamtwerks. Immerhin liegt eine Reihe von allerdings großenteils unvollständigen Einzelbibliographien vor (VD 16, Charles H. Lohr 2005, Ralf Keen 1988, Horst Koehn 1985, Walter Thüringer 1982, Otto Beuttenmüller 1960); erst für das Melanchthonjahr 2010 darf man wohl auf eine Gesamtbibliographie hoffen (Helmut Claus, Forschungsbibliothek Gotha).
Das Corpus Reformatorum (CR 1-28, 1834-1860, ND 1963) und die Supplementa (Suppl. 1-4, 1910-1929, ND 1968) bieten, so verdienstvoll sie in vieler Hinsicht waren und so wenig entbehrlich sie bislang sind, nur in begrenztem Maße sicher bestimmbare und handhabbare Quellen. Dies gilt vor allem im Blick auf den Tatbestand, dass Melanchthons Schriften, insbesondere seine zahlreichen, alle artistischen Disziplinen (außer der Metaphysik) abdeckenden Lehrbücher einen work in progress darstellen. So ist die Auswahl einer einzelnen Textgestalt unvermeidlich von späteren Interessen und Einschätzungen beeinflusst. Überdies erschwert die oft weitverzweigte und zum Teil noch undurchsichtige Druckgeschichte vieler Schriften eine sichere Textkonstitution. Die den genannten Editionen zeitlich folgenden Studienausgaben, Übersetzungen und Einzeleditionen konnten die mit der besonderen Quellenlage gestellten Aufgaben naturgemäß nur zu geringen Teilen lösen (vgl. Timothy J. Wengert 2001).
Die philosophischen Schriften Melanchthons stellen unbestritten durchweg glänzende Zeugnisse einer weitgespannten, rhetorisch und literarisch anspruchsvollen gelehrten Kommunikation in einer Zeit tiefgreifenden Wandels der religiösen und der intellektuellen Orientierungen mit langfristigen gesellschaftlichen und politischen Folgen dar. Weil Melan chthon viele seiner Schriften immer neuer Bearbeitung unterwarf, spiegeln sie nicht nur die Produktivität, sondern auch die Rezeptivität des Autors. Dies gilt im Blick auf die antike Bildung und die biblische Theologie sowie im Blick auf die vielfältigen theologischen und philosophischen Initiativen, Debatten und Kontroversen. Die geplante Edition will die Vernetzung sichtbar machen, in denen die Schriften und schriftlich überlieferten Reden Melanchthons mit wichtigen Ereignissen und Entwicklungen im Renaissancehumanismus und in den humanistischen Reformbemühungen eines halben Jahrhunderts ihre enorme Wirkung entfaltet haben, auch und gerade, indem sie den Werkstattcharakter des Schaffens Melanchthons betont.
Mit dem Begriff „Werkstatt“ wird auf den spezifisch frühneuzeitlichen Produk tionsprozess und das diesem entsprechende Textverständnis rekurriert. Da sich Verfasser von Texten in der Frühen Neuzeit stets in einer Tradition und im Kontext der Zeit verankert und daher von anderen Texten beeinflusst sahen, war ihr Verständnis von dem, was ein Text ist, weniger stark an die Frage gekoppelt, ob eine Schrift tatsächlich Wort für Wort von einer Person geschrieben wurde. Es war zwar durchaus wichtig, dass ein Text einer Autorität zugeordnet und unter ihrem Namen tradiert werden konnte – deshalb musste er aber nicht eigenhändig von ihr niedergeschrieben und/oder für den Druck korrigiert sowie autorisiert worden sein. So wie in der frühneuzeitlichen Textkritik davon ausgegangen wurde, dass jeder Text einen festen, unveränderlichen Gehalt in sich birgt (Klara Vanek 2007), so konnte es Schriften geben, die einer Autorität zugeschrieben wurden, obwohl der Wortlaut des Textes nicht gesichert war. Aus diesem Grund wird beispielsweise die Mitschrift einer Rhetorikvorlesung Melanchthons von 1553 in Band 2/2 der Edition aufgenommen. „Werkstatt“ benennt hier also das, was es auch in der kunstgeschichtlichen Forschung benennt: Kreuzungspunkt eines frühneuzeitlichen Netzwerks, in dem Werke einer bestimmten Persönlichkeit zugeschrieben werden, unabhängig von „Autorschaft“ im Verständnis des neunzehnten Jahrhunderts. Auch im Falle eines Netzwerkes, in dessen Mittelpunkt ein Gelehrter wie Phillip Melanchthon steht, kann dieser nur als ein wenn auch zentraler Teil eben dieses Netzwerkes präsentiert werden. Ediert wird daher alles, was Melanchthon als einer der wichtigs ten Kommunikatoren, Lehrer und Wissenschaftler seiner Zeit ins Werk gesetzt hat – und sei es mündlich und daher nur in einer Mitschrift überliefert. Aufgenommen wird deshalb auch, was ohne die Zustimmung Melanchthons gedruckt wurde.
Die für diese Edition entwickelten Editionsrichtlinien spiegeln den aktuellen Stand der Frühneuzeitforschung und legen einen Text- und Autorbegriff zugrunde, der dem Text- und Autorverständnis der Zeitgenossen Melanchthons angenähert ist. Daraus ergibt sich ein verändertes Verständnis dessen, was eine historisch-kritische Edition der Werke eines frühneuzeitlichen Gelehrten ist und leistet. Unverändert gilt, dass alle Entscheidungen des Editorenteams hinsichtlich der Textkonstitution für die Lesenden einsichtig und revidierbar sein müssen. Die Textkonstitution selbst aber folgt nicht der Vorstellung eines zu konstruierenden gleichsam idealen, fehlerfreien Textes, der immer eine Fiktion der Edierenden sein muss. Stattdessen wird ein Text geboten, der auch den Zeitgenossen vor Augen stand, ergänzt um die umsichtige fach- und editionswissenschaftliche Lektürehilfe der Editorinnen und Editoren in den Apparaten, wissenschaftlichen Einleitungen und Registern.
Die Werke Melanchthons stellen das Erbe dar, das uns einer der bedeutendsten Gelehrten und Lehrer der Frühen Neuzeit vermacht hat. Die Wirkungsgeschichte des praeceptor Germaniae erstreckte sich weit über das Römische Reich Deutscher Nation hinaus auf ganz Europa, weit hinaus über die ohnedies breite unmittelbare und namentliche Rezeption im 16. Jahrhundert. Gewiss wurde seine theologische und philosophische Präsenz durch die Kritik am „Philippismus“ seitens eines sich konfessionell profilierenden Luthertums eingeschränkt. Die Ausbildung des konfessionellen Calvinismus und die im ausgehenden 16. Jahrhundert veränderte wissenschaftliche Methodologie und ihre Folgen (z. B. die Revision der Dialektik und die Einführung einer ontologischen Metaphysik in beiden protestantischen Konfessionen) verstellten zusätzlich den Blick auf Melanchthons Werke. Dadurch wurden die in Melanchthons Reform aufgebauten grammatikalischen, rhetorischen und hermeneutischen Standards zur Aneignung und Pflege der abendländischen Tradition jedoch nicht außer Kraft gesetzt. Das gilt erst recht für die Verknüpfung von pietas und eruditio, die Melanchthon in seiner Person repräsentiert und die er in der Perspektive des christlichen Gottesglaubens und in der Perspektive einer universalwissenschaftlichen Gelehrsamkeit stets vehement vertreten hat.
|
|