Melanchthon und Skandinavien

Was wir heute Skandinavien nennen und in zahlreiche Einzelstaaten differenzieren, bestand im 16. Jahrhundert aus zwei Monarchien: Schweden-Finnland auf der einen, Dänemark-Norwegen-Island auf der anderen Seite. Nach 1536 ordnete König Christian III. von Dänemark die Kirche seines Herrschaftsgebiets in enger Zusammenarbeit mit den Wittenberger Reformatoren. Hierfür stand er im Briefwechsel auch mit Melanchthon, nach dessen Ideen die Lateinschulen, die Universität Kopenhagen und die Kirchenlehre neu organisiert wurden. Melanchthons Lehrbücher avancierten zu den grundlegenden Unterrichtsmaterialien. Die Lehrgrundlage der Kirche wurde fast ausschließlich an Schriften Melanchthons ausgerichtet: neben der Bibel und der Postille Luthers an drei theologischen Melanchthon-Werken. Vor allem die Unterrichtung der Pfarrer, sei es in Dänemark oder in Norwegen, stützte sich fast ausschließlich auf die "Loci Communes", die in präzisen, verständlichen Worten und in geschicktem, übersichtlichem Aufbau die reformatorische Lehre formulierten. An der theologischen Fakultät der Universität Kopenhagen waren Vorlesungen über die "Loci" fest vorgeschrieben. Melanchthon wurde zum maßgebenden Schultheologen des skandinavischen Luthertums, ja er wird oft auch der "Praeceptor Scandinaviae" genannt.

Melanchthon gebührt dieser Ehrentitel nicht nur deshalb, weil seine methodischen Vorschläge und seine Lehrbücher den Unterricht in Schule und Universität bestimmen, sondern auch durch die hohe Zahl skandinavischer Studenten, die nach Wittenberg kamen, um bei und von ihm zu lernen. So studierten beispielsweise 680 Dänen im 16. Jahrhundert an der Universität Wittenberg.

Eine besondere Wirkung entfaltete Melanchthons Universalchronik in der europäischen Geschichtsschreibung. In seinem "Chronicon", das erstmals 1532 erschien, ordnet Melanchthon die Weltgeschichte in vier Zeitalter ein und spannt den Bogen von Adam bis zu Kaiser Karl dem Großen, in einer Fortsetzung bis zur unmittelbaren Gegenwart. In Dänemark, Finnland und Norwegen hat es zahlreiche Ausgaben, Übersetzungen und Bearbeitungen gegeben. Die skandinavische Geschichtsschreibung hat viel aus Melanchthons "Chronicon" gelernt, hat das Geschichtsbild übernommen, dieselben Erzählstrukturen angewandt und häufig vor allem die Frühgeschichte einfach plagiiert.

Island war damals Teil des dänischen Königreichs. Als der erste evangelische Bischof Islands 1542 in Kopenhagen ordiniert werden sollte, nahm er in seinem Reisegepäck 17 Bücher mit, darunter zwei Werke Melanchthons, die "Confessio Augustana", und die "Loci Communes". Für den neuen Bischof waren diese beiden Schriften Melanchthons also offensichtlich für die tägliche Arbeit und Lektüre so bedeutsam, daß er sie mit auf die Reise nahm. Als er nach Island, nach Skalholt, zurückfuhr, hatte er übrigens noch zwei weitere, frisch gekaufte Melanchthon-Werke bei sich, wie eine Bücherliste verrät. In Island, wo 1550 endgültig die Reformation eingeführt wurde, herrschte Mangel an nicht-lateinischen, volkssprachlichen Büchern. 1558 wurde deshalb in Kopenhagen eine isländische Glaubensübersicht für Pfarrer in 216 Exemplaren gedruckt, die in weiten Teilen auf den schon genannten "Loci Communes" beruht; der Übersetzer, Gisli Jónsson, preist in seiner Vorrede das Werk des "hochgelehrten Doktor und Lehrmeister in Gott Philippus Melanton". Das erste Buch, das für den Schulgebrauch in Island gedruckt wurde, eine lateinische Grammatik, beruht hauptsächlich auf der "Grammatica Latina" Melanchthons: die Grammatik Melanchthons war ein wichtiger Bestandteil des Lateinunterrichts in Island bis ins 18. Jahrhundert. Und nicht nur die Grammatik - laut den Schulordnungen war das Logik-Lehrbuch Melanchthons Pflichtlektüre in den zweiten Klassen.



Philipp Melanchthon
Die Hauptartikel und vornehmsten Punkte der ganzen Heiligen Schrift (= Loci communes) verdeutscht
Straßburg: Martin Flach, 1522



Melanchthon-Denkmal in der Kathedrale von Helsinki. Zum 400. Geburtstag Luthers 1883 plante man, die Statuen der beiden herausragenden deutschen Reformatoren, Martin Luther und Philipp Melanchthon, sowie des finnischen Reformators Michael Agricola aufzustellen. 1886 wurde die Statue Melanchthons in einer Nische im Innenraum der Kathedrale aufgestellt.
 






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