Gleich zwei neue Veröffentlichungen der Europäischen Melanchthon-Akademie Bretten liegen vor. Die beiden Bände werden am Donnerstag, 12., Mai, 19.30 Uhr in der Gedächtnishalle von den Autoren und Herausgebern, Dr. Martin Schneider und PD Dr. Günter Frank, präsentiert.
Dr. Martin Schneider, Theologischer Referent der Akademie, hat für den 3. Band von „Melanchthon deutsch“ Briefe, Gutachten und weitere Texte Melanchthons übersetzt. Sein Anliegen ist es, die Persönlichkeit und das Werk Melanchthons dem interessierten Leser nahe zu bringen. Die Texte belegen einmal mehr die europaweite Wirkung des Reformators und Gelehrten. Der früheste Text der Auswahl ist eine Rede zur Plünderung Roms (sacco di Roma) aus dem Jahr 1528. Den Abschluss bildet ein Brief an den Patriarchen von Konstantinopel aus dem letzten Lebensjahr Melanchthons. In all diesen Zeugnissen wird Philipp Melanchthons Engagement für die Vermittlung reformatorischer Lehre und damit zugleich für die Erneuerung der einen christlichen Kirche erkennbar.
Mit dem jetzt erschienen Band wird die Reihe „Melanchthon deutsch“ erweitert und ergänzt. Die ersten zwei Bände erschienen 1997 zum 500. Geburtstags Melanchthons. Beide Bücher sind inzwischen vergriffen und werden voraussichtlich noch in diesem Jahr neu aufgelegt.
Das Textverständnis steht auch im Mittelpunkt von Band 11 der Melanchthon-Schriften der Stadt Bretten. Hier geht es allerdings um die akademische Frage: Wie soll man Texte begreifen, die in sich widersprüchlich sind? Schon in der Antike wurde intensiv über diese Fragen nachgedacht. Aristoteles beispielsweise verfasste eigens ein Traktat mit dem Titel „Über Interpretation“. So bereitet auch die Heilige Schrift nicht selten solche Verständnis-schwierigkeiten. Wie etwa soll man verstehen, dass ein „Reicher eher durch ein Nadelöhr geht als in den Himmel kommt“?
Martin Luther hatte diesen Problemen in seinem Wirken eine eigene Wendung gegeben. Er war überzeugt davon, dass die Heiligen Schriften ihre eigenen Interpreten seien. Doch wie soll man das wiederum verstehen? - Wiederholt wurde bereits die Beobachtung geäußert, dass es Melanchthon war, der in seinem wissenschaftlichen Wirken versucht hatte, diese Fragestellungen fruchtbar zu lösen. Für nicht wenige gilt er daher als der Begründer der neuzeitlichen Hermeneutik, einer eigenen „Kunst des Verstehens“.
Band 11 der Schriftenreihe, dessen Herausgeber Dr. Günter Frank und Dr. Stephan Meier-Oeser sind, geht auf eine Tagung der „Europäischen Melanchthon-Akademie“ aus dem Jahr 2008 zurück, die ganz dieser Problematik des Verstehens schwieriger Texte gewidmet war. In ihr wurde die Frühgeschichte dieser „Kunst des Verstehens“ von der Reformationszeit bis in das 19. Jhdt. hinein nachgezeichnet und teilweise neu geschrieben.
Bibliografische Angaben:
Von Wittenberg nach Europa - Melanchthons Beitrag zu Vermittlung und Konsolidierung reformatorischer Lehre – Einführungsvortrag zur Vorstellung von Bd. 3 Melanchthon deutsch, hg. von G. Frank und M. Schneider, Leipzig 2011.
Günter Frank, Stephan Meier-Oeser (Hg.), Hermeneutik, Methodenlehre, Exegese. Zur Theorie der Interpretation in der Frühen Neuzeit, Stuttgart / Bad Cannstatt 2011 (Melanchthon-Schriften der Stadt Bretten, Bd. 11).