10.10.2013 bis 12.10.2013

Internationales Symposium, veranstaltet von der Europäischen Melanchthon-Akademie Bretten und dem Institut für Spätmittelalter der Universität Tübingen: Die Reformation und ihr Mittelalter - Wertung, Wirkung, Perspektiven


Die Leiter der Tagung: PD Dr. Günter Frank (l.) und Prof. Dr. Volker Leppin.

Wissenschaftliche Leitung:

PD Dr. Günter Frank, Direktor der Europäischen Melanchthon-Akademie
Prof. Dr. Volker Leppin, Institut für Spätmittelalter und Reformation der Universität Tübingen

Nach einer – vor allem in Deutschland – nahezu allgemeinen Wahrnehmung hatten die Reformation und der werdende Protestantismus radikal mit dem Mittelalter gebrochen. Diese weit verbreitete These führt zu der erklärungsbedürftigen Situation, dass im Selbstverständnis und in der Selbstwahrnehmung des Protestantismus eine Kluft über ein Jahrtausend entstanden ist, die diesen nicht nur von der frühchristlichen und patristischen Zeit trennt, sondern die ihn offenkundig auch in keinem Verhältnis zu diesem Jahrtausend stehen lässt. Im Hintergrund stehen hier schon die polemische Rede der Humanisten vom „finsteren Zeitalter“ sowie die Polemik der Reformatoren gegen die „scholastici“ und vor allem gegen die Papstkirche und ihre Theologie.

Dieses Verständnis der Reformation und die Wahrnehmung des Protestantismus in seinem Verhältnis zum Mittelalter scheinen jedoch alles andere als selbstverständlich. Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jhdt. gab es durchaus so etwas wie eine evangelische Mediävistik. Vor allem aber lassen die gewaltigen Forschungsanstrengungen des vergangenen Jhdt. die These von einer radikalen Kluft von Reformation und ihrem Mittelalter und damit auch die Wahrnehmung des Protestantismus in ihrem Verhältnis zu diesem mehr als fragwürdig erscheinen, und dies aus mehreren Gründen.


- Einerseits hat die Mediävistik die Leistungen der sog. „Renaissance des 12. Jhdt.“ sowie die großen Systementwürfe des 13. Und 14. Jhdt. für die Entwicklung der westlichen Rationalität in überzeugender Weise zu erhellen vermocht.


- Daneben zeigt die jüngere und jüngste Forschung die vielfältigen Voraussetzungen der Reformatoren in ihren mittelalterlichen Bezügen: (Luther: Theologie und Mystik; Melanchthon: Theologie, spätscholastische Logik, antik-mittelalterlich-islamische Philosophie; Zwingli: spätscholastische Theologie; Calvin: spätscholastische Theologie). Mit dem ausgehenden Jahrhundert der Reformation greifen die Gelehrten der Wittenberger wie auch der reformierten Bewegung nahezu selbstverständlich Fragestellungen und Entwicklungen auf, wie sie in der sog. Spätscholastik formuliert und weiter entfaltet wurden.

- Schließlich ist zu fragen, wie unter diesen Voraussetzungen eine Überwindung der vielfach apologetisch und nationalkonservativ bestimmten Deutung dieser Kluft zwischen der Reformation und ihrem Mittelalter möglich sein könnte.


PD Dr. Günter Frank                             Prof. Dr. Volker Leppin
Europäische Melanchthon-Akademie    Institut für Spätmittelalter
Freie Universität Berlin                        und Reformation Universität Tübingen       

TAGUNGSPROGRAMM

Donnerstag, 10. Oktober 2013

  9.00 Uhr Begrüßung

  9.15 Uhr Prof. Dr. Theodor Dieter, Straßburg, Martin Luthers kritische Wahrnehmung der Scholastik in seiner
      "Disputatio contra scholasticam theologiam".

  9.45 Uhr Prof. Dr. Volker Leppin, Tübingen, Luthers Mittelalter. Wirkungen und Wertungen im Oeuvre des
                   Reformators

10.15 Uhr Prof. Dr. Arno Mentzel-Reuters, München, Reformatoren drucken das Mittelalter - Luther,
      Melanchthon und die Zenturiatoren (Theologia deutsch, die Chronik Lamberts von Hersfeld u.
            Trithemius-Rezeption in den Zenturien)

10.45 Uhr Kaffeepause

11.15 Uhr PD Dr. Günter Frank, Bretten / KIT, Die "articuli fidei" als Grund des Glaubens und der Theologie –
     Genese und Kritik eines Grundbegriffs der Ekklesiologie 

11.45 Uhr Dr. Jorge Uscatescu Barrón, Freiburg, Domingo de Sotos Auseinandersetzung mit Luther in "De natura et gratia" um die Klärung des Verhältnisses von Natur und Gnade auf dem Hintergrund des Begriffs "natura pura"

12.30 Uhr Mittagspause

14.00 Uhr Prof. Dr. Notger Slenczka, Berlin, Loci bzw. Artistoteles-Rezeption in der Ethik Melanchthons

14.30 Uhr Prof. Dr. Emidio Campi, Zürich, "Vetera at tamen nova - die kirchlichen und sozialen Einrichtungen
            des Stadtstaates Zürich im 16. Jh."
15.00 Uhr Prof. Dr. Andreas Odenthal, Tübingen, "nach der alten gebreuchlichen Lateinischen Translation
                   gelesen und gesungen". Zum Chordienst in den Klöstern Württembergs nach der Einführung der
           Reformation.

15.30 Uhr Kaffeepause

16.00 Uhr Prof. Dr. Tarald Rasmussen, Oslo
          Die Kontinuität der Memoria. Sächsische Grabdenkmäler des 16. Jahrhunderts

16.30 Uhr Spiritual P. Dr. theol Augustinus Sander OSB, Beverungen
        Die konfessorische Katholizität Georgs von Anhalt

Diskussion


19.30 Uhr in der Gedächtnishalle des Melanchthonhauses:
Öffentlicher Abendvortrag: Prof. Dr. Ulrich Köpf, Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Protestantismus und Mittelalter. Persönlicher Rückblick auf mehr als vierzig Jahre Forschung.

Begrüßung durch Herrn Oberbürgermeister Martin Wolff.
Im Anschluss an den Vortrag lädt die Stadt Bretten zum Empfang.


Freitag, 11. Oktober 2013

  9.00 Uhr Prof. Dr. Johanna Rahner, Kassel, Luther und die Philosophie

  9.30 Uhr Jan-Hendryk de Boer, M.A., Göttingen, Aus Konflikten lernen. Der Verlauf gelehrter Kontroversen
      im Spätmittelalter und ihr Nutzen für die Reformation.

10.00 Uhr Prof. Dr. Andreas J. Beck, B-Leuven, Die Rezeption der spätscholastischen Theologie
      im ausgehenden 16. Jh. (bis Mitte 17. Jh.)
 
10.30 Uhr Kaffeepause

11.00 Uhr Prof. Dr. Martina Hartmann, München
     Der wichtigste karolingische Autor im Catalogus testium veritatis des Matthias Flacius Illyricus.

11.30 Uhr Prof. Dr. Bernd Roling, Berlin
     Polycarp Leyser IV. und die protestantische Mittelaltergeschichtsschreibung in Helmstedt

12.15 Uhr Mittagspause

14.00 Uhr Prof. Dr. phil. Günther Mensching, Hannover, "Reformation und nominalistische Wende".

14.30 Uhr Dr. Matthias Pohlig, Münster, "Des Pabstes eigene Scribenten". Lutherische Geschichtsschreibung
           im konfessionellen Zeitalter und ihr Umgang mit mittelalterlicher Historiographie.

15.00 Uhr Ulrich Zahnd, Genf, Lambert Daneaus Bearbeitung der Sentenzen Petrus Lombardus'

15.30 Kaffeepause

16.00 Uhr Prof. Dr. Antonie Vos, NL-Dordrecht
           Das Denken der Reformation im mittelalterlichen Licht: Theologie, Logik und Philosophie


Diskussion


Samstag, 12. Oktober 2013

  9.00 Uhr Prof. em. Dr. Ulrich Muhlack, Frankfurt/Main 
     Die Renaissance als Beginn der Neuzeit. Mit einem Seitenblick auf die Reformation.

  9.30 Uhr Prof. Dr. Johannes Helmrath, Berlin
     Humanismus' und 'Scholastik'. Zur Epochenbegrifflichkeit Mittelalter - Renaissance.

10.00 Uhr Kaffeepause

10.30 Uhr Prof. Dr. Risto Saarinen, Helsinki
     Die Eigenart der Scholastik in Gerhard Ebelings Lutherdeutung


11.15 Uhr Bilanz und Abschluss
       

Änderungen vorbehalten

Kontakt:

Europäische Melanchthon-Akademie Bretten
Melanchthonstr. 1 – 3, D-75015 Bretten
Tel. ++(0)7252 / 94 41 12, Fax 94 41 16
Sekretariat: martin@melanchthon.com
www. melanchthon.com