15.10.2012

An der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kirche


Ein Interview mit dem neuen Referenten der Evangelischen Landeskirche an der Europäischen Melanchthon-Akademie Bretten, Dr. Hendrik Stössel

Amtseinführung Dr. Hendrik Stössel

Dr. Hendrik Stössel ist seit kurzem als Theologischer Referent der Evangelischen Landeskirche in Baden  an der Europäischen Melanchthon-Akademie Bretten (EMA) tätig.  Zuvor war er 13 Jahre lang Dekan in Pforzheim. Geboren wurde Dr. Hendrik Stössel 1953 in Halle an der Saale, in Freiburg wuchs er auf. Es absolvierte in seiner neuen Heimatstadt ein komplettes juristisches Studium und schloss in Heidelberg ein Theologiestudium an. In seiner Zeit als Gemeindepfarrer in Emmendingen promovierte er zu einem kirchenrechtlichen Thema.

Was veranlasste Sie zum Wechsel vom Pfarramt zur Referententätigkeit an der Europäischen Melanchthon-Akademie in Bretten?

Dr. Stössel: Nach den vielen Jahren im Gemeindedienst reifte in mir die Überlegung, dass es beruflich noch etwas anderes geben müsse. Ich habe immer gerne „auf kleiner Flamme“  wissenschaftlich gearbeitet, Rezensionen verfasst und Aufsätze geschrieben. Die EMA befindet sich an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kirche.  Zudem war für mich der Zeitpunkt günstig: Bis zum großen Reformations-Jubiläumsjahr 2017 stehen viele thematische kirchliche Gedenkjahre an. Ich finde es wunderbar, an einer Institution, die einem der Hauptreformatoren gewidmet ist – nämlich Philipp Melanchthon –mitwirken zu können.

Sind Sie in ihrer theologischen Karriere Melanchthon zuvor bereits begegnet?

Dr. Stössel: Mein Wissen über Melanchthon umfasste das, was man im Studium der Theologie über den Reformator erfährt. Während meines Kontaktstudiums, das mir die Kirche 2010 ermöglichte, habe ich mich in vertiefter Weise mit Melanchthons „Loci communis“ von 1521 beschäftigt und mit der Arbeit der Melanchthon-Akademie auseinandergesetzt, insbesondere mit den Inhalten der Wanderausstellung „Grenzen überwinden“, die zum Melanchthon-Jubiläumsjahr konzipiert wurde. Ich habe also gerade in jüngster Zeit meinen wissenschaftlichen Faden mit der Auseinandersetzung mit Melanchthon wieder aufgenommen.

Welche Erfahrungen aus Ihrer praktischen Arbeit als Pfarrer werden Sie an der Akademie einbringen?


Dr. Strössel: Ich habe in Pforzheim gelebt und gearbeitet, Pforzheim ist eine multikulturelle Stadt, in der mehrere Religionen nebeneinander existieren. Dieser Dialog ist mir bestens vertraut. Ein Dialog, den auch Melanchthon gepflegt hat. – Pforzheim birgt soziale Spannungen. Hier stellt sich die Frage nach Bildungsunterstützung und Bildungsvermittlung. Das war ein Hauptanliegen auch von Melanchthon. – Er hat zudem über die Grenzen Deutschlands hinaus in Europa gewirkt. Wir befinden uns in einer Zeit des zusammenwachsenden Europas, in der z.B. die Frage nach dem Gottesbezug in der europäischen Verfassung gestellt wurde. Hier gibt es staatkirchenrechtliche Bezüge, die mich als Theologe und Jurist beschäftigen. Meine 30 Jahre lange praktische Erfahrung spiegelt sich also geradewegs in der Forschung der Europäischen Melanchthon-Akademie wieder.

Wie wird nun die Umsetzung aussehen?

Dr. Stössel: Ich habe klare Aufgabenstellung für meine Arbeit an der EMA, die besagt: Ich werde Vorträge halten, mich an der wissenschaftlichen Arbeit der EMA beteiligen, an Veranstaltungen mitwirken, die Evangelische Akademie in Bad Herrenalb unterstützen, theologische Führungen durch das Melanchthonhaus machen und Gottesdienste halten. Vor allem das Themenjahr der Evangelischen Kirche in Deutschland 2014: Kirche und Politik will ich in vielerlei Hinsicht mitgestalten. Dazu gehört auch ein kirchenrechtlicher Lehrauftrag an der Universität Heidelberg, entweder an der theologischen oder an der juristischen Fakultät. Thematisch wird es dabei um Kirchenrecht gehen, und wenn an der theologischen Fakultät auch etwas zustande kommt, wird es von dort vermutlich inhaltliche Vorgaben geben. Im Jahr des Heidelberger Katechismus 2013 spielt natürlich immer auch die Frage eine Rolle: Wie machte sich hier Melanchthons Einfluss  bei seinen Schülern bemerkbar? Und: Wie ist das Verhältnis zwischen Melanchthon und den reformierten Protestanten?

Welchen Aspekt Ihrer neuen Aufgabe möchten Sie hervorheben?

Dr. Stössel: Das Melanchthonhaus Bretten, so wie es von seinem Initiator Nikolaus Müller vor über 100 Jahren konzipiert wurde,  kann man als Denkmal betrachten. Denkmäler schaut man sich an und geht an ihnen vorbei.  - Wichtig ist mir hingegen,Melanchthon in seinem historischen Kontext  und mit Gegenwartsbezug darzustellen. Wer sich auf Melanchthon beruft, muss sich zu Herzen nehmen, dass er sich in die Politik einmischt, sich mit den Quellen befasst und mit anderen Konfessionen friedlich zu leben hat. Melanchthons aktuelle Botschaft lautet: Gespräche zu suchen, andere nicht als Bedrohung zu betrachten, sondern als Hilfe zum Lernen.