23.09.2014

Ausstellung im Melanchthonhaus Bretten: „Verbündete im Himmel. Religiöse Motive in den Bildwerken des Ersten Weltkrieges“ - Innere Aufrüstung in den christlichen Traditionen


Bretten Melanchtnonhaus Gedächtnishalle

Blick in die Ausstellung in der Gedächtnishalle des Melanchthonhauses

Kaiser Franz Josef kniet, den Kopf in die Hände gestützt, in der Kirchenbank. Und Wilhelm II., höchst selbst Bischof der Preußischen Landeskirche, verneigt sich vor dem Altar. Der Erzengel Michael, der Anführer himmlischer Heerscharen, zieht sein Schwert, um den deutschen Truppen zur Seite zu stehen und wie Christus am Kreuz starb, bringen auch die Soldaten ihr Opfer in diesem grausamen Krieg.

Der Erste Weltkrieg wurde nicht alleine mit Waffen geführt, sondern auch mit Worten und Bildern. Die Kriegspropaganda machte auch vor Religion und Kirche nicht Halt. Aber wie weitreichend diese Form von „geistiger Mobilmachung“ war, das hat Dr. Günter Frank, Kustos des Melanchthonhauses Bretten, mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Forschungsabteilung der Europäischen Melanchthon-Akademie dann doch überrascht: Sie nahmen sich im Rahmen des INTERREG-Projektes am Oberrhein „Dreiländermuseum – trinationales Netzwerk für Geschichte und Kultur“ des kirchlich-religiösen Aspektes aus Anlass des Gedenkens an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren an.

Unter dem Titel „Verbündete im Himmel. Religiöse Motive in den Bildwerken des Ersten Weltkrieges“ sind im Melanchthonhaus Bretten bis 23.  November vielfältige überlieferte Bilddokumente zu sehen, die offenbaren, dass die Religion in erschreckender Weise missbraucht wurde. „Nicht selten sprachen führende Vertreter der Kirchen von diesem Krieg als einem „gerechten“ oder gar „heiligen Krieg“, betont Dr. Günter Frank, dessen Haus wissenschaftliche Grundlagenarbeit leistete. Denn die religiöse Propaganda zwischen 1914 und 1918 blieb bislang unbeachtet.

Religion als wichtiger Mobilisierungsfaktor, dessen bedienten sich alle an diesem Krieg beteiligen Nationen, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Russland und die USA.  Feldpostkarten, Plakate und Kriegsfotografien sind dafür die Belege, welche die Brettener Forscher, namentlich Dr. Günter Frank, Dr. Albert de Lange und Dr. Hendrik Stössel, unterstützt vom Team der Akademie, zusammengetragen haben. Die Dokumente stammen aus unterschiedlichen nationalen und internationalen Archiven, auch aus kirchengeschichtlichen Institutionen in Russland, wo die Vertreter der  orthodoxen Kirche gleichsam die Soldaten segneten und die Ikone der Mutter Gottes von Augustow die russischen Kämpfer beschützte. Es stellte sich sogar heraus, dass es eine Kriegs-Messe gab, die im Anschluss an die tridentinische Messe allgemein die Kriegsziele verherrlichte.

Die übersichtlichen Bildtafeln in der Ausstellung in der Gedächtnishalle stellen die Bildwerke vergrößert und kommentiert dar. Systemisch werden die Mechanismen der gezielten Beeinflussung mit religiösen Mitteln analysiert, die sich an Grundmotiven festmachen lassen: dem Gebet, der Verteufelung des  Feindes und dem Opfergedanke. Die „Verbündeten im Himmel“, das ist einer französischen Postkarte zu entnehmen, sind etwa der Erzengel Michael und ,im Falle Frankreichs, auch die Nationalheldin Jeanne d`Arc.

So fällt, wie Pfarrer Dr. Hendrik Stössel, der Vertreter der Badischen Landeskirche an der Akademie in seiner Einführung bei der Ausstellungseröffnung erklärt, zum einen die Verschiedenheit in den einzelnen Ländern auf, auf welche Weise die christlichen Motive missbraucht werden. Andererseits aber seien dieselben Grundlinien und Grundhaltungen als wirksam erkennbar: „Auf allen Seiten werden christliche Traditionen eingesetzt, zur inneren Aufrüstung an der Front ebenso wie in der Heimat“. Für den Theologen wird dabei deutlich, dass das Leid des Krieges überall dasselbe war. So spiegelten sich in den Zeugnissen dieselbe Angst und dieselbe Trauer der Menschen, gänzlich unabhängig von Herkunft, Sprache und kulturellem Hintergrund. Der Erste Weltkrieg hat mithin die christlichen Kirchen gespalten, stellt Dr. Stössel fest, aber auch das Judentum. Denn diese Gläubigen standen auf beiden Seiten der Front.

Mit dieser umfassenden Darstellung leistet das Melanchthonhaus Bretten einen entscheidenden Beitrag im Rahmen des INTERREG-Projektes. Das Netzwerk hat für die Ausstellungsreihe eigens eine Homepage eingerichtet, die einen schnellen Zugriff auf die 22 Ausstellungsorte und Themen ermöglicht. Sie ist in deutscher und französischer Sprache abrufbar. (www.netzwerk-museen.eu).


Zur Ausstellung im Melanchthonhaus ist ein Katalogheft erschienen, das  an der Museumkasse für 5 Euro erhältlich ist. Die Ausstellung ist als Wanderausstellung konzipiert und kann von Institutionen und Einrichtungen ausgeliehen werden.