30.01.2015

Erste Ergebnisse des Projektes „Reformatoren im Bildnis“: Humanistischer Gelehrter und Hieronymus, Dr. Maria Lucia Weigel entdeckt Darstellungsvarianten von Luther im Umkreis von Augsburg und Nürnberg



Mit den bildlichen Darstellungen ihrer Repräsentanten bekam die Reformation ein Gesicht. Ihre Porträts auf Gemälden, Grafiken aber auch in plastischen Bildnissen prägen noch heute unsere Vorstellungen von diesem, unsere Geschichte prägenden historischen Ereignis und seiner umfassenden politisch-sozialen Bedeutung. Für die Kunsthistorikerin Dr. Maria Lucia Weigel ist diese Tatsache gleichsam der Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen im Rahmen des Projektes, das gefördert wird von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages. Hinzu kommen maßgebliche Zuwendungen der Baden-Württemberg Stiftung sowie Mittel der Stadt Bretten und des Melanchthonvereins Bretten.

Die Basis des Vorhabens bildet die umfangreiche Sammlung des Melanchthonhauses mit Bildnissen aus dem 16. bis 19. Jahrhundert. Ergänzt durch Leihgaben mündet das Vorhaben  im Sommer  2016 in einer Ausstellung und einer begleitenden Veröffentlichung. Im Melanchthonhaus Bretten wird mit diesem Großprojekt  das 500-jährige Gedenken an die Reformation im Jahre 2017 eingeläutet.

 

 

 

 

 

Lucas Cranach d. Ä., Maler am Hof des sächsischen Kurfürsten in Wittenberg, schuf 1520 diesen Kupferstich des Augustinermönchs Martin Luther, der die Schrift auslegt.

 

 

Seit nunmehr einem Jahr widmet sich Dr. Lucia Maria Weigel dieser Grundlagenarbeit, bei der es ihr besonders wichtig ist, „die Bildnisse aus dem Umfeld und der Zeit heraus zu deuten“ und „ihre spezifische Botschaft offenzulegen“. Interessant ist für sie dabei zudem, “wie und warum sich bildliche Vorbilder verändern, indem sie in anderen, späteren Kunstwerken wieder motivisch aufgenommen werden“. Diese findige Aufgabe zeigt nun schon erste Ergebnisse. Nicht zuletzt wegen der Fülle der Darstellungen greift die Forscherin zuerst  Lutherbildnisse heraus, darunter das sehr bekannte von Lucas Cranach d. Ä. von 1520. Zwei Eigenheiten sind für Weigel dabei besonders auffällig: Luther in der Mönchskutte hält in der rechten Hand ein aufgeschlagenes Buch, die linke ist zum Redegestus erhoben. Zudem ist der  Theologe  in einer Rundbogennische platziert. Für die Kunsthistorikerin ist die Nische ein eindeutiges Antikenzitat, das auch bei Heiligendarstellungen  vielfach verwendet wird. Der Redegestus verweist auf Wiedergaben von Propheten und Kirchenvätern. Bekannt ist, dass sich die Cranachsche Darstellung über den Holzschnitt vor allem in Süddeutschland rasch verbreitete und auch künstlerische  Variationen zu Folge hatte. Dr. Maria Lucia Weigel stieß nun auf zwei topografische Eigentümlichkeiten in der Rezeption, die nach Augsburg und Nürnberg führen.

 

 

 

 

In Augsburg wurde der Cranach-Stich zwei Jahre später vom sog. Petrarca-Meister variiert. Nun ist eine antikisierende Architektur an die Stelle der einfachen Rundbogennische getreten. Luther wird in humanistischen Codes propagiert.

 


Augsburg war nicht nur Schauplatz von sieben Reichstagen, sondern nicht zuletzt durch die Fugger ein Treffpunkt der Humanisten, die sich auch auf die antiken Traditionen der Stadt selbst beriefen und hier einen Bezug zur damaligen Gegenwart herstellten. Das beweisen zahlreiche überlieferte Architekturzeichnungen und nicht zuletzt auch die Grabkapelle der Fugger, die antike  Anlehnungen erkennen lassen. Die Vorbilder wurden übernommen und von Augsburger Künstlern abgewandelt. Dies ist auch in einem Holzschnittporträt Luthers mit architektonischer Rahmung der Fall, das Titelblatt einer Luther-Schrift, die 1522 in Augsburg erschien. Vermutet wird, dass das Blatt vom sogenannten Petrarca-Meister stammt, jenem unbekannten Schöpfer einer Petrarca-Ausgabe mit über 200 Holzschnitten. Er kombiniert, so die Beobachtungen von Dr. Maria Lucia Weigel, Cranachs Luther-Porträt mit einer in die Tiefe fluchtenden Architektur, die aus antikisch anmutenden Versatzstücken besteht. Die Frage nach der Bedeutung diese Lutherbildnisses lässt sich für die Kunstwissenschaftlerin nun beantworten: Luther wurde in Augsburg in einem humanistischen Zusammenhang gezeigt. Das Blatt erweist sich nicht nur durch  das Architekturzitat als zeitgemäß „modern“, sondern schildert auch Luther eindeutig als Gelehrten humanistischer Prägung, der – gleich den Humanisten – für das genaue Textstudium in der Originalsprache steht. Doch die Forscherin geht in ihrer Deutung noch weiter. Das verwendete Schriftbild in kunstvoller Fraktur, das im Gegensatz zu der auf antiken Fragmenten vorkommenden Antiqua-Schrift steht, verbunden mit einem aufkommenden Nationalgedanken, weist Luther als ausgesprochen deutschen Erneuerer der Kirche aus.

 

 

 

 

 

Melchior Lorck ließ sich 1548 von den Bildnissen des Hl. Hieronymus in der Studierstube von der Hand des berühmten Nürnberger Künstlers Albrecht Dürer anregen. Lorck zeigt den Reformator als zweiten Hieronymus, der die Bibel übersetzt.

 


Ganz anders wirkt sich der kulturgeschichtliche Zusammenhang für Dr. Maria Lucia Weigel in einer weiteren Luther-Darstellung, die jedoch aus Nürnberg stammt, aus. Sie knüpft als Grundlage ihrer Beobachtungen an die im 15. und 16. Jahrhundert aufkommende Hieronymus-Verehrung an. Er war - wie Luther – ein Übersetzer der Bibel. Für die Brettener Forscherin ist es nun nur noch ein kleiner Schritt, mit Luther an diese Bildfindung anzuknüpfen, also auch ihn als Hieronymus zu deuten. Dies geschieht in dem 1548 entstandenen Kupferstich von Melchior Lorck. Anlehnungen sind für Maria Lucia Weigel zum einen in den Altersbildnissen Luthers aus der Cranach-Werkstatt zu beobachten wie auch durch den gedrehten Schreibpult mit Bücherstapel, der Dürers  Porträt des Humanisten Erasmus entnommen scheint.

 

 

 

 

Der Nürnberger Künstler Balthasar Jenichen nahm sich Lorcks Luther zu Vorbild. Die Handhaltung ähnelt jedoch derjenigen auf dem Cranach-Stich von 1520.

 

Nun eröffnet sich die Frage, inwieweit Lorcks Darstellung von weiteren und späteren Künstlern wiederum verarbeitet wurde. Hierfür hat Weigel bereits Hinweise. So etwa in einem Luther- Blatt des in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ebenfalls in Nürnberg tätigen Balthasar Jenichen. Hier ist Luther wieder nach dem Typus des Cranachschen Altersbildnisses am Pult zu sehen. Er schreibt jedoch nicht, sondern zeigt sich im bekannten Redegestus wie bei Cranach. Dies deutet auf eine neue Variation von Cranachs Bildfindung hin. Durch das Bücher-Tisch-Stillleben zitiert er zugleich aber auch Lorck. Er verwendet also Versatzstücke von Cranach, aber auch über Lorck Anlehnungen an die Dürer-Motivik bei dessen Erasmus-Bild. Noch weitere Beispiele belegen für die Kunstwissenschaftlerin, dass an der Nürnberger Tradition geschulte Künstler den Doppelsinn als Rollenporträt des Hieronymus weiter trugen. Ob dieses Rollenporträt auch auf Philipp Melanchthon übertragen wird, ist eine der Fragen, die sich Maria Lucia Weigel stellt. Bereits im Juni 2015 wird sie einen zweiten Projektvortrag im Melanchthonhaus Bretten halten.

                                                 Das Projekt wird gefördert von