22.02.2015

Bericht zur Verleihung des 10. Internationalen Melanchthonpreises der Stadt Bretten an Dr. Christine Absmeier


Preisträgerin Dr. Christine Absmeier Foto: Thomas Rebel

Philipp Melanchthon war in seiner Zeit das, was man heute einen „Netzwerker“ nennt. Er unterhielt in humanistischer Tradition Verbindungen zu geistlichen wie weltlichen Machthabern, zu Gelehrten wie auch seinen vielen Schülern, die an der Universität Wittenberg seine Haltung in Religions- und Bildungsfragen kennengelernt hatten. Dass ausgerechnet in Schlesien seine Bemühungen, die Bildung auf eine breite Basis zu stellen, in besonderer Weise fruchteten, gelang Dr. Christine Absmeier zu belegen. Dem Thema „Das schlesische Schulwesen im Jahrhundert der Reformation. Ständische Bildungsreformen im Geiste Philipp Melanchthons“ widmete die Stuttgarter Historikerin, die heute das Haus der Heimat in der Baden-Württembergischen Hauptstadt leitet, ihre Dissertation. Die Studie, die Einblicke in die Person Melanchthons als bildungspolitischer Experte und politischer Berater offenbart, wurde mit dem 10. Internationalen Melanchthonpreis der Stadt Bretten ausgezeichnet. Die mit 7.500 Euro dotierte Würdigung, die alle drei Jahre von der Stadt Bretten vergeben und im Melanchthonhaus verliehen wird, ging damit zum zweiten Mal an eine Wissenschaftlerin.

Durchaus unterhaltsam schilderte Dr. Christine Absmeier in ihrem Festvortrag in der Gedächtnishalle die Strategie des Reformators und Universalgelehrten, sich weit entfernt von Wittenberg Einfluss auf das schlesische Schul- und Kirchenwesen zu verschaffen. Die Universität Wittenberg, an der Melanchthon ab 1518 lehrte, so führte sie aus, genoss in der reichen Handelsstadt Breslau beachtliches Ansehen. Ganze Generationen von Theologen und Schulmeistern absolvierten dort ihr Studium. Sie wirkten als „Multiplikatoren“ von Melanchthons Lehre im gesamten schlesischen Raum. Seine vielfältigen Kontakte in eine Gegend, in der der Brettener selbst nie gewesen war, machten ihn zu einem engagierten Personalvermittler und persönlichen Begleiter seiner ehemaligen Studierenden. „Und schließlich zögerte er nicht, Fürsten und Ratsherren in die Pflicht zu nehmen, wenn es darum ging, seinen Überzeugungen zur Durchsetzung zu verhelfen“, versicherte die Historikerin, die sich die polnische Sprache aneignete, um die Archive nach Melanchthons Spuren gründlich zu erforschen. Die Quellen belegen für Dr. Christine Absmeier, dass er neben seinem Einsatz im Bereich der Bildung auch wesentlich dazu beitrug, dass die Reformation in Schlesien Fuß fasste. „Er prägte den Glauben wie kein zweiter. Sein Verdienst war es, dass trotz der Zersplitterung der Region die Erneuerung der Lehre und der kirchlichen wie auch schulischen Strukturen einheitlich verlief“, schloss die Preisträgerin.

Der Laudator, Prof. Dr. Christoph Strohm, Ordinarius für Reformationsgeschichte und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Heidelberg, strich die Relevanz der Arbeit von Dr. Christine Absmeier für die Gegenwart heraus. Sie zeige uns, wie Bildung und Religion sich gegenseitig bedingten. Auf die aktuelle „terroristische Bedrohung unsrer Welt in Namen von Religion“ verwies auch der Brettener Oberbürgermeister Martin Wolff, der die Preisverleihung an Dr. Christine Absmeier vornahm. Die Auszeichnung geschehe in Erinnerung an den Humanisten und Reformator, „der tief beseelt war von der Überzeugung einer humanitätsstiftenden Kraft einer umfassenden Bildung“.

Landrat Dr. Christoph Schnaudigel zollte der Stadt Bretten Respekt für ihr Engagement, das Erbe Melanchthons zu wahren. „Es ist eine Investition ins Gemeinwesen“, betonte er. Der neue Schulpräsident im Regierungspräsidium Karlsruhe, Vittorio Lazaridis, thematisierte das Verhältnis von Schule und Reform und verwies auf den neuen Bildungsplan, der im kommenden Jahr herauskommen wird. Dessen Absicht sei es, Kinder und Jugendliche zu einer kritischen Urteilsfähigkeit und Humanität zu führen. Der Vorsitzende des Melanchthonvereins, Hans–Joachim Reiber, ein ehemaliger Pädagoge, wünschte sich dabei, dass „die Maximen Melanchthons eine größere Bedeutung im Schulalltag hätten“. Er benannte diese mit: Gelehrsamkeit, Frömmigkeit und Dienst an der bürgerlichen Gesellschaft.

Der Direktor der Europäischen Melanchton-Akademie Bretten, PD Dr. Günter Frank, warf indes einen Blick auf das 2017 anstehende 500-jährige Jubiläum der Reformation, das an dem wohl historisch nicht haltbaren Lutherschen Thesenanschlag festgemacht wird. Für die von ihm geleitete Einrichtung ist das Gedenken auf „500 Jahre Protestantismus“ gerichtet, das in seiner Deutung viele neue Facetten, Formen und Kooperationen eröffne. „Wir im Melanchthonhaus hatten uns von Anfang an entschieden, uns mit in dieses Gedenkjahr einzubringen, was uns in der Person Philipp Melanchthons eigen ist: der Verbindung von Humanismus und Reformation.“

Die über zweistündige Veranstaltung wurde auf äußerst lebhafte Weise von Schülerinnen und Schülern der Jugendmusikschule Unterer Kraichgau, Bretten unter Leitung von Seon-Kyung Kim begleitet. Mit Klavier, Posaune, Saxofon und Querflöte trugen die jungen Musiker Werke von Vivaldi, Bach und Telemann vor.