Die Bibliothek des Melanchthonhauses
Adresse:
Melanchthonstr. 1, 75015 Bretten
Postfach 1560, 75005 Bretten
Tel.: (07252) 9441-0
Fax: (07252) 9441-16
Leitung: PD Dr. phil. habil. Günter Frank
Internet:
Homepage: http://www.melanchthon.com
E-Mail: info@melanchthon.com
Weiterführende Informationen: Online-Katalog der Bestände
http://www.ubka.uni-karlsruhe.de/kgk/
Bibliothekssigel: Bret 1
Unterhaltsträger: Melanchthonverein Bretten und Land Baden-Württemberg
Funktion: Wissenschaftliche Spezialbibliothek zur Melanchthon-Forschung
Sammelgebiete: Melanchthon, Reformatoren und Humanisten aus Melanchthons
Umgebung
Benutzungsmöglichkeiten: Präsenzbibliothek, Benutzung nach Anmeldung
und mit wissenschaftlichem Nachweis
Bestandsgeschichte
Die Bibliothek des 1903 eingeweihten Melanchthon-Gedächtnishauses
hat ihren Grundstock in den Schenkungen und dem Nachlass des Berliner
Kirchenhistorikers Nikolaus Müller (1857-1912). Er initiierte 1897
zum 400. Geburtstag Melanchthons die Einrichtung des Melanchthonhauses,
entwarf die Außen- und Innengestaltung und konzipierte die Aufgaben
des Hauses, einerseits als Museum und Gedächtnisstätte, andererseits
als Bibliothek mit Handschriften- und Buchbeständen aus der Reformationszeit.
Durch seine Vermittlung kamen 400 Bände aus dem Nachlass des 1896
verstorbenen Theologen Wilhelm Krafft und Dubletten der Wittenberger Lutherhalle
hinzu. Darüber hinaus flossen der Bibliothek auch reichhaltige Stiftungen
zu, z.B. des Großherzogs Friedrich I. von Baden, der Herzogin Marie
von Anhalt - dieser Bestand ist durch die prachtvollen anhaltinischen
Einbände herausgehoben - und des Brettener Stadtrats Georg Wörner.
1903 konnten ca. 3000 Titel (Monographien und Forschungsaufsätze)
gezählt werden. Hinzu kamen 1912 etwa 1200 Bände aus Nachlass
Nikolaus Müllers. Nachdem für 1960 5140 Titel notiert worden
waren, wuchs der Bestand, insbesondere durch die Schenkung des 1976 verstorbenen
Melanchthon-Bibliographen Wilhelm Hammer (ca. 1300 Titel, zumeist 20.
Jh.) auf heute ca. 11000 Titel (Monographien und Forschungsaufsätze)
an.
Die bibliothekarische Betreuung liegt seit 1987 in den Händen der
Badischen Landesbibliothek
Karlsruhe und des Melanchthonhauses Bretten. 1988 wurde von der Stadt
Bretten die Stelle eines wissenschaftlichen Kustos errichtet.
Bestandsbeschreibung:
Grundlage der folgenden Zahlen ist ein 1946 angefertigtes maschinenschriftliches
alphabetisches Bücherverzeichnis mit handschriftlichen Zusätzen
späterer Zugänge. Die Angaben wurden vereinzelt durch Autopsie
überprüft.
a. Chronologische Übersicht und Übersicht nach Sprachen
Bei einem Gesamtbestand von ca. 11000 Titeln
umfasst der historische Bestand 4277.
Er setzt sich zusammen aus einer Inkunabel, 2174 Bänden des 16.
Jahrhunderts, 150 Bänden des 17. Jahrhunderts,
331 Bänden des 18. Jahrhunderts
und 1576 Bänden
des 19. Jahrhunderts; 47 Titel sind ohne Jahresangabe.
Zu der lateinischen Inkunabel (Reuchlin) kommen aus dem 16. Jahrhundert
1382 lateinische Drucke, außerdem 784
deutsche und
5 französische (Calvin). Aus
dem 17. Jahrhundert liegen 91
lateinische und 54
deutsche Titel vor; aus dem 18. Jahrhundert
123 lateinische und
206 deutsche Titel; aus dem 19.
Jahrhundert 121 lateinische
und 1398 deutschen
Titel. Die übrigen Sprachen sind unerheblich:
insgesamt 54 Titel
(davon 16 französische, 19 griechische).
b. Systematische Übersicht
Die Bibliothek dient der Erforschung der Reformation und des Renaissance-Humanismus.
Im Mittelpunkt steht die Beschäftigung mit Philipp Melanchthons
Leben und Werk. Die Systematik, die auf den Bibliothekar D. Dr. Otto
Beuttenmüller zurückgeht, trennt Primär- und Sekundärliteratur.
1130 Bände (davon mehr als die Hälfte historischer Altbestand)
sind an Werken Melanchthons vorhanden - selbständige Werke oder
Werke mit Beiträgen von ihm (Vorrede, beigegebenes Gedicht etc.).
Es war das Ziel Müllers, das gesamte wissenschaftliche und literarische
Schaffen Melanchthons zu dokumentieren. Dies war angesichts des in vielen
Auflagen publizierten Gesamtwerks schwierig. Doch gelang es durch umsichtige
Erwerbung, die nach Halle und Nürnberg drittgrößte Sammlung
an Melanchthon-Drucken aufzubauen. So liegen z.B. die Loci communes
in ihren drei Fassungen (1521, 1535, 1543) mehrfach vor, ebenso die
deutschen Versionen (1522, 1536, 1542, 1553). Neben den Grammatiken
(griechisch und lateinisch), die mit verschiedenen Auflagen vertreten
sind, dokumentieren die Editionen und Kommentare griechischer und lateinischer
Autoren (Demosthenes, Cicero, Iustinus, Basilius, Hesiod, Lykurg, Heliodor,
Ptolemaios, Sallust, Euripides) und die Schulordnungen die breite Wirksamkeit
des Praeceptor Germaniae. Die Lehrbücher zu Rhetorik,
Dialektik, Prosodie, Numismatik, Psychologie (De anima)
etc. sind ebenfalls vorhanden. Das religiös-theologische Schrifttum
des Reformators reicht von Bibelkommentaren über kirchenpolitische
Schriften bis hin zu Deklamationen. Bei letzteren ist die Identifizierung
besonders schwierig, da Melanchthon oft für Schüler und Kollegen
Reden schrieb, die dann unter dem Namen des Rezitators gedruckt wurden
(sehr hilfreich ist hierzu die genannte Arbeit von Horst Koehn ).
Gesammelt wurden außer dem Werke, zu denen Melanchthon nur ein
Vorwort oder ein Gedicht beigetragen hat. Hervorzuheben sind die Scripta
publica der Universität Wittenberg (Wittenberg 1560 ff.),
die für die Zeit von 1540 bis 1561 das akademische Leben an der
Leucorea anhand von Vorlesungsankündigungen, Nachrufen und Bekanntmachungen
dokumentieren. Durch Vergleich der Einbandgestaltung konnte nachgewiesen
werden, dass ein Exemplar von Melanchthons Römerbrief-Kommentar
(M 125) aus der Privatbibliothek Luthers stammt.
Die Bibliothek besitzt 817 Titel über Melanchthon. Für die
Zeit von 1519 bis 1970 ist die Literatur über ihn von W. Hammer
zusammengestellt; dort sind bei den einzelnen Titelbeschreibungen die
Standorte angegeben, darunter in der Regel Bretten. Die Bestände
bieten außer der Forschungsliteratur auch zahlreiche literarische
Belege für Studien zur Melanchthon-Rezeption, insbesondere des
19. Jahrhunderts: Festreden, Schultheater, Belletristik, Streitschriften
um Denkmalsgestaltung, populäre Anthologien etc. Sie enthalten
wichtiges Material für die Wirkungsgeschichte Melanchthons, für
die Kohärenz von Reformation und Humanismus, die in seinem Werke
eine paradigmatische Ausprägung erfahren haben.
Die von Melanchthon 1530 verfasste Confessio Augustana
bildet eine eigene Signaturengruppe, die durch weitere evangelische
Bekenntnisliteratur ergänzt ist. Melanchthons Invariata,
Variata, Apologie und Corpus Doctrinae
liegen vor, vor allem spätere Nachdrucke insbesondere des 17. und
18. Jahrhunderts, die Einblicke in die evangelische Lehrentwicklung
bieten. Insgesamt 188 Titel (davon 162 aus dem 16. bis 19. Jahrhundert)
sind hier zusammengestellt. Ein Exemplar (C 127) wurde von Johannes
Noricus als Stammbuch verwendet und ist bei Wolfgang Klose verzeichnet.
176 Bände, die sich vorrangig mit dem Augsburgischen Bekenntnis
beschäftigen, schließen sich an.
Die größte Sachgruppe umfasst 2507 Bände, vornehmlich
von und zu Luther, der mit 245 Drucken aus dem 16. Jahrhundert vertreten
ist. Herausragend ist eine Ausgabe des Galaterbriefes (Wittenberg
1516), die von einem Studenten als Grundlage für die Vorlesung
Luthers (1516/17) benutzt und mit Marginalien nach Diktat Luthers versehen
wurde. Hinzuweisen ist außerdem auf das Septembertestatment,
die im September 1522 gedruckte erste Ausgabe von Luthers Übersetzung
des Neuen Testaments, bei der Melanchthon vor allem in Fragen des griechischen
Quellentextes und der Realienkunde sein wichtigster Helfer war. Die
Sachgruppe umfasst daneben Werke anderer reformatorischer und humanistischer
Gelehrter der frühen Neuzeit und ermöglicht Forschungen zum
Umkreis Melanchthons. An Ausgaben des 16. Jahrhunderts sind zu nennen:
Beza (9 Bände), Brenz (18), Bugenhagen (33 Bände), Bullinger
(32), Calvin (51), David Chyträus (17), Erasmus (60), Flacius (29),
Oecolampad (19), Peucer (12, mit seltenen Ausgaben des Commentarius
de praecipuis generibus divinationum), Strigel (9).
Zum Umkreis gehören ebenfalls die Schriften der dezidierten Gegner
der Reformation mit einem geringeren Anteil am Gesamtbestand (159
Bände); hervorzuheben ist die Sammlung von Drucken Witzels
(19 Bände) und Schatzgeyers (8).
In den Abteilungen Reformationsgeschichte (946
Bände), Buchdruck
(170 Bände) und
Verschiedenes (411 Bände) sind u.a. wichtige Nachschlagewerke
und Forschungsliteratur zum 16. Jahrhundert vorhanden, u.a. Panzers
Annales, Jöchers Gelehrtenlexikon, Georg
Wills Nürnbergisches Gelehrtenlexicon, die Matrikel
verschiedener Universitäten und Werkverzeichnisse zu Beza, Brenz,
Bugenhagen, Luther, Oecolampad, Osiander und Reuchlin. Die Abteilung
Kunst enthält 214 Bände, überwiegend Museums- und Ausstellungskataloge.
Zusätzlich wurden in den letzten Jahren die Abteilungen Philosophiegeschichte
(158 Bände) und Theologiegeschichte (193 Bände) geschaffen.
Sie enthalten überwiegend neuere Forschungsliteratur. Neben den
Büchern gibt es noch die Gruppe der sogenannten Kapselschriften
(3979Einheiten). Es handelt sich hierbei um Zeitschriften- und Zeitungsaufsätze
zur Melanchthonforschung, Sonderdrucke, sowie sonstige Veröffentlichungen
in Heftform. Außerdem stehen Sammlungen von Münzen, Graphiken
und Handschriften als ergänzende Materialien zur Verfügung.
Kataloge zur Erschließung der Beständ
a. Online-Kataloge
b. Zettelkataloge
-
Alphabetischer Katalog in Zettelform, geordnet nach Verfassern, bzw.
Titel (bei keinem oder mehr als drei Verfassern) (bis 2005)
-
Standortkatalog in Zettelform, geordnet nach Standorten/Signaturengruppen
(bis 2005)
-
Chronologische Kataloge
Melanchthons Werke in chronologischer Folge, maschinenschriftlicher
Listenkatalog
Literatur über Melanchthon 1970 - 2000 in chronologischer
Folge, Zettelkatalog
c. Weitere Verzeichnisse und Beschreibungen der Bestände
-
Standortkatalog in Tabellenform, geordnet nach Signaturen/Sachgruppen
(ab 2006)
-
Beuttenmüller, Otto: Vorläufiges Verzeichnis der Melanchthon-Drucke
des 16. Jahrhunderts, Halle, 1960 (Drucke bis einschließlich
1524)
-
Koehn, Horst: Philipp Melanchthons Reden. Verzeichnis der im 16.
Jahrhundert erschienenen Drucke, Frankfurt/M., 1985 (Das VD 16, Bd.
13, Stuttgart, 1988, nennt bei den Melanchthon-Drucken nur für
zwei Titel das Melanchthonhaus als Standort (M 3523, M 3589))
-
Meisinger, Karl A.: Eine kurze Beschreibung der Handschriften
In: Archiv für Reformationsgeschichte, 24 (1927), S. 22-97
Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Bibliothek
a. Archivalien
Im Melanchthonhaus werden außer dem (durchgängig geführten)
Inventarverzeichnis, das den Eingang und die jeweiligen Donatoren belegt,
die Protokolle der Vorstandssitzungen und der Generalversammlungen des
Melanchthonvereins Bretten, des Trägers des Melanchthonhauses,
die Korrespondenzordner und die einschlägigen Zeitungsartikel gesammelt
und aufbewahrt. Im Stadtarchiv Bretten geben die Faszikel 1424-1426,
A 3433 und A 4428 Auskunft über die Geschichte des Melanchthonhauses
(Museum, Bibliothek).
b. Darstellungen
-
Anon.: [ohne Titel]. In: Zeitschrift für Bücherfreunde,
1 (1897/98), Heft 12, S. 652
-
Müller, Nikolaus: Festschrift zur Feier der Einweihung des Melanchthon-Gedächtnishauses
zu Bretten, Bretten, 1903
-
Anon.: [ohne Titel]. In: Zentralblatt für Bibliothekswesen,
21 (1904), S. 77 f.
-
Beuttenmüller, Otto: 30 Jahre Melanchthon-Museum. In: Der Pfeiferturm.
Beilage zur Heimatgeschichte & Volkskunde Brettens und seiner
Umgebung (Beilage zur Brettener Zeitung), 1 (1933), Heft 10, S. 70
f.
-
Beuttenmüller, Otto: Das Melanchthon-Gedächtnishaus in
Bretten. Das Museum und die Bibliothek. In: Georg Urban (Hrsg.): Philipp
Melanchthon 1497 - 1560, Bretten, 1960, S. 191-194
-
Uhlig, Eckehard: Melanchthon und Bretten - eine Spurensuche. In:
Stefan Rhein (Hrsg.): Melanchthonpreis. Beiträge zur erste Verleihung
1988, Sigmaringen, 1988 (Melanchthon-Schriften der Stadt Bretten ;
Bd. 1), S. 89-99
-
Rhein, Stefan: Melanchthon, Melanchthonstadt Bretten und das Melanchthonhaus.
In: Melanchthonstadt Bretten. Stadtinformation. Wissenswertes über
die große Kreisstadt im südlichen Kraichgau, Karlsruhe,
1989, S. 27-29
Veröffentlichungen zu den Beständen
-
Hammer, Wilhelm: Die Melanchthonforschung im Wandel der Jahrhunderte.
Gütersloh, Bd. 1-3 (1967-81), Bd. 4 Register (1996)
-
Klose, Wolfgang: Corpus Alborum Amicorum (CAAC), Stuttgart, 1988,
S. 141 [über C 127]
-
Neuser, Wilhelm H.: Bibliographie der Confessio Augustana und Apologie
1530-1580, Nieuwkoop, 1987 [zu 33 Titeln wird Bretten als Standort
genannt]
-
Rabenau, Konrad von: Melanchthonbuch aus der Bibliothek des Reformators.
In: Brettens Neueste Nachrichten, Nr. 166, vom 22./23. Juli 1989,
S. 25 [zu M 125]
Diese Beschreibung der Melanchthonhaus-Bibliothek stammt von Stefan Rhein.
Sie wurde dem Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland
(Hildesheim [u.a.], Bd. 7, 1994, S. 70-73) entnommen. Eine aktualisierte
Fassung wurde von Günter Frank in den Mitteilungen der D.Dr.
Otto-Beutenmüller-Bibliothek der Stadt Bretten (Jg. 2, Heft
3, Mai 1999, S. 13-14) veröffentlicht. Für die vorliegende Online-Fassung
wurden die Bestands- und Katalogangaben von der Bibliothekarin komplett
überarbeitet und ergänzt (Januar 2001). Aktualisiert (Januar
2005).
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