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Wer war Philipp Melanchthon? – eine kleine Geschichte eines ganz Großen

Oktober 1508: Georg Schwartzerdt ruft seinen elfjährigen Sohn Philipp ans Sterbebett. Schon seit vier Jahren ist der Vater schwerkrank, nachdem er bei einem Feldzug aus einem vergifteten Brunnen getrunken hatte. Von Beruf war er Waffenschmied und Verwalter der kurfürstlichen Rüstkammer in Heidelberg. Von seinem ältesten Sohn verabschiedete sich der Vater mit folgenden Worten: „Ich habe manche Veränderungen des Staates erlebt, aber es werden noch schwerere kommen, und ich bete, dass Gott dich in ihnen leite. Dir aber gebiete ich, mein Sohn, fürchte Gott und führe ein ehrbares Leben“. Was für prophetische Worte ...
    Philipp wurde am 16. Februar 1497 in Bretten geboren, einer kleinen Handels- und Handwerkerstadt in der Kurpfalz. Mit seinen vier Geschwistern wächst er am Brettener Markplatz auf, dort wo heute das Melanchthon-Gedächtnishaus steht. Schon bald wird klar: der zierliche Philipp ist ein sensibler und hochbegabter Junge.
    Nach dem Tod seines Vaters besuchte Philipp zunächst die Lateinschule in Pforzheim, wo er durch seine Begabung für alte Sprachen (Latein, Griechisch, Hebräisch) glänzte. Das beeindruckte auch seinen Mentor, den damals berühmten Johannes Reuchlin. Nachdem er von dessen hervorragenden Griechischkenntnissen erfährt, verleiht er ihm nach humanistischem Brauch einen Humanistennamen: Schwartzerdt übersetzt er ins Griechische (Melanchthon). Mit schnellen Schritten absolviert dieser nunmehr seine Universitätsstudien, zunächst in Heidelberg und darauf in Tübingen. Schon mit 21 Jahren wird der Hochbegabte zum Griechisch-Professor nach Wittenberg an die 16 Jahre zuvor gegründete Universität berufen. Der Neue aus dem Süden wird zunächst argwöhnisch beäugt: gerade einmal einsfünfzig groß, dazu ein Sprachfehler (er lispelte). Umso erstaunlicher, dass er in seiner Antrittsvorlesung seine Zuhörer berauschte. Melanchthon warb in dieser Rede um eine Reform der Studien und legte sein Programm vor, das in den evangelischen Schulen und Universitäten mit großem Erfolg umgesetzt wurde.
    Auch Martin Luther schätzte ihn über alle Maßen und nannte ihn liebevoll „graeculus“ (kleiner Grieche). Beide blieben zeit ihres Lebens eng miteinander verbunden. Ohne Melanchthons Sprachenkenntnisse wäre Luthers Bibelübersetzung nicht möglich geworden. Melanchthon wiederum lernte von dem Wittenberger Reformator „das Evangelium“, wie er rückblickend häufig betonte. Schon bald ließ er sich von den Reformgedanken seines Wittenberger Kollegen zutiefst anstecken. Schneller jedoch als ihm als Gelehrten vermutlich lieb war, geriet Melanchthon in das Zentrum der internationalen Politik. Auf dem Wormser Reichstag des Jahres 1521 wurde Martin Luther mit seinen Reformideen verurteilt. Dies hatte zur Folge, dass dieser Kursachsen nicht mehr verlassen konnte, ohne zu riskieren, von den Kaiserlichen gefangen genommen zu werden. Melanchthon rückte damit zum wichtigsten Wortführer der Wittenberger Bewegung auf Reichstagen und zu den Religionsgesprächen in Speyer, Augsburg, Regensburg und Frankfurt auf. Zu diesen Reichstagen und Religionsgesprächen verfasste er auch Bekenntnisschriften, die wichtigste unter ihnen das „Augsburger Bekenntnis“ (Confessio Augustana), die zur grundlegenden Bekenntnisschrift des Luthertums werden sollte. Mit diesem „Augsburger Bekenntnis“ wollten die Wittenberger ein Zeugnis der Einheit der Kirche ablegen. Sie bekannten die Einheit der katholischen Kirche. Dass dieses Bekenntnis vom Kaiser und der römischen Kirche verworfen und damit die Spaltung des westlichen Christentums besiegelt wurde, schmerzte Melanchthon zeit seines Lebens. Auf vielen weiteren Reichstagen und Religionsgesprächen versuchte er vergeblich, die Einheit der Kirche wieder herzustellen.
    Die Reform des Bildungswesen, die Melanchthon in seiner Wittenberger Antrittsvorlesung vorgetragen hatte, sollte keine leere Ankündigung sein. Sofort setzte er in Wittenberg alles daran, seine Gedanken umzusetzen. Melanchthon verfügte über herausragende pädagogische Fähigkeiten und verfasste zahlreiche Lehrbücher, die den Schulunterricht bis ins 18. Jahrhundert beeinflussten. Oft baten ihn Städte um Unterstützung bei der Planung von Schulen und deren Organisation, so auch 1526 in Nürnberg, wo Melanchthon eine „höhere Schule“ und damit das erste deutsche Gymnasium begründete. Aber auch an den Universitäten wurden seine Reformideen rasch und erfolgreich umgesetzt, nicht nur in Wittenberg, sondern auch in Kopenhagen, Riga und Königsberg. Die Universität in Jena wurde von zwei seiner bedeutendsten Schüler gegründet. Melanchthon selbst verfasste die jeweiligen Lehrbücher, bildete Lehrer und Professoren aus und sorgte mit seinen Schul- und Universitätsreformen dafür, dass die Ideen der humanistischen Bildungsreformen auch umgesetzt wurden. Schon seine Zeitgenossen verliehen ihm dafür den Ehrentitel „Praeceptor Germaniae“ (Lehrer Deutschlands).

PD Dr. Günter Frank
(Direktor der Europäischen Melanchthon-Akademie)



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